Echo

Manches, das uns im Leben von außen begegnet, kann wie ein ewiges Echo in uns widerhallen.

Was ich damit meine? Nun, ich möchte gerne etwas zum Thema Kommunikation schreiben. Wie wir Menschen miteinander umgehen und die Macht der Sprache beschäftigt mich seit vielen Jahren. Als mein Interesse dafür aufflammte, habe ich gemerkt, wie selten ich darüber nachdachte, was Worte für uns bedeuten können. Aussagen, die irgendjemand einmal über uns getroffen hat, können uns unser Leben lang begleiten und auch beeinflussen. Sowohl positiv, als auch negativ. Manchmal wissen wir das bewusst sogar gar nicht mehr.

Es hat einige Jahre gedauert, bis mir wirklich klar wurde, dass alles, was ich sage einen Einfluss hat. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der kleine und auch große verbale Seitenhiebe nichts Außergewöhnliches sind. Die meisten von uns können diese auch so gut einstecken, wie wir sie austeilen 😉 Nur ist eben nicht jeder so. Manche Bemerkungen – sind sie auch nur scherzhaft gemeint – können andere ins Grübeln bringen oder verunsichern.

Bei wem wir besonders auf unsere Sprache achten sollten, sind Kinder. Denn egal, mit wie viel dickem Fell und derbem Humor jemand von Grund auf „gesegnet“ ist, so ist ihr*sein Hirn in der Kindheit dennoch ein Schwamm, der alles aufsaugt und in den Tiefen des Unterbewusstseins abspeichert.

Ich habe als Kind sehr viel Zeit mit älteren Menschen verbracht. Das ergab sich durch meine älteren Geschwister automatisch. Sie waren meine Vorbilder und ich wollte immer bei ihnen sein, war neugierig auf ihre Freunde und darauf, was sie so trieben. Alles daran war für mich cool und ich wollte ein Teil davon sein. Eigentlich lief das die meiste Zeit auch harmonisch, es gab selten Streitereien zwischen uns. Doch was meine Geschwister gerne gemacht haben, war mich zu ärgern. Zu 100% wollte mir keiner von ihnen einen Schaden zufügen, trotzdem blieben viele Aktionen und gemeine Spitznamen bis heute hängen.

Auch meine Schulzeit war nicht immer so rosig, was das angeht. Ich war zwar nie eine richtige Außenseiterin, aber in die akzeptierte Norm hab ich eben auch nicht gepasst. Anfang der 2000er, als ich in meine Teenie-Jahre kam, trugen die meisten meiner Mitschüler*innen Hüfthosen, viel Rosa, Hosen, auf deren Hinterteil in fetten Lettern „Juicy“ o.ä. stand und die ich bis heute nicht verstehe… Ich fand nicht alles davon übel, doch ich wollte eben Schwarz tragen und mich auch dazu passend schminken. Mehr als einmal haben mir vor allem Jungs gesagt, dass ich irgendwie seltsam bin. Der Witz war, dass das dieselben waren, die immer in meiner Nähe waren, sobald es kein anderer gesehen hat. Ich hab meinen Style deswegen nicht geändert, aber es wäre eine Lüge zu sagen, dass mich einiges davon nicht auch beschäftigt hätte. Auch noch nach meiner Schulzeit.

Vor allem als ich auf dem Weg war, erwachsen zu werden, hatte ich ein extremes Problem mit meinem Selbstwertgefühl. Ich dachte, ich hätte zu große Ohren und eine zu große Nase. Ich hätte keine schöne Figur und müsste immer darauf achten, was ich esse. Ich dachte, ich bin seltsam und dass ich niemals jemanden finde, der mich wirklich liebt. Dass es immer andere geben wird, die besser sind als ich und dass ich quasi unsichtbar bin. Zweite Wahl.

Zu keinem Zeitpunkt hat das tatsächlich jemand so zu mir gesagt, doch diese kleinen Sticheleien, Scherze, spaßige Bemerkungen hatten ihre Widerhaken ausgefahren und sich in mir festgesetzt. Auch mit Anfang 30 habe ich manchmal noch meinen Struggle mit diesen Unsicherheiten. Der Unterschied ist, dass ich heute meinen Wert kenne und mit diesen Phasen viel besser umgehen kann.

Ein achtloser Umgang mit unserer Sprache kann also Glaubenssätze in anderen erschaffen, die einfach nicht wahr sind. Wir sagen etwas aus Spaß und vergessen es dann wieder. Bei unserem Gegenüber treffen wir aber vielleicht einen wunden Punkt.

Viele – wenn nicht sogar die meisten – Kinder und Jugendliche, sind noch nicht in der Lage ihre Grenzen klar zu machen. Ich wäre als 7-jährige nicht auf die Idee gekommen meinen Geschwistern zu sagen, dass es mich verletzt, wenn sie sagen, ich sehe aus wie die Meereshexe Medusa aus Disneys „Ariel“ oder ich hätte eine „Rübennase“. Ja, okay, das klingt lustig 😉 War es aber für mich damals nicht. Während der Aufarbeitung dieser Unsicherheiten werden diese kindliche Verletzungen manchmal ganz stark spürbar und das nach über 20 Jahren und obwohl ich heute weiß, dass nichts davon Ernst war.

Sich zu necken macht Spaß, ich mache das selbst gerne. Vor allem mein Partner bekommt das oft zu spüren. Man sollte darauf achten, wer einem gegenübersteht. Inzwischen vermeide ich zu derbe Witze bei Menschen, die ich noch nicht so gut kenne und würde auch Kindern gegenüber Äußerungen vermeiden, durch die sie sich irgendwie negativ beurteilt fühlen für das, was sie sind. Bestimmt ist nicht jeder sensibel und es gibt Personen, die schlimmere Spitznamen hatten als ich und damit keine Probleme haben. Davon sollte man aber nicht grundsätzlich ausgehen. Manche tragen mehr als einen kleinen Witz auf ihre Kosten davon, ohne es überhaupt zu merken.

Haben euch Äußerungen von anderen schon einmal nachhaltig beeinflusst? Oder habt ihr vielleicht schon mal selbst etwas zu anderen gesagt, das ihr im Nachhinein bereut?

Ihr wisst es bestimmt, aber ich wiederhole es – auch für mich – immer wieder gerne: Was andere über uns zu wissen glauben oder ihre Meinung über uns, ist deren Sache. Wichtig ist, was wir selbst über uns denken, wer wir sein wollen und dass wir uns mit Menschen umgeben, die uns wirklich sehen. Dieses Echo, das wir manchmal in uns hören, ist eben nur das: Ein Echo. Es ist vergangen und nicht unsere Realität.

Der Otter

One Reply to “Echo”

  1. Sylvia sagt:

    Danke für Deine Worte und das Du diese Dinge anfasst die jeder anscheinend erlebt aber aus verschiedenen Gründen nicht ausspricht.
    Weil man in dieser Gesellschaft leider sofort lernt aus unterschiedlichen Begebenheiten das es besser ist zu schweigen und nicht unangenehme Fragen zu stellen.
    Für mich ist immer noch einer der schlimmsten Sätze: Es kann nur einen Gewinner geben.
    Es mag sachlich richtig sein und vielleicht empfinde ich diese Worte als sehr schlimm, aber ich mag diese Worte nicht. Sie können unbewusst so viel zerstören.

    Gefällt 1 Person

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