Gut gemeint

Diesen Satz habt ihr bestimmt schon oft gehört: „Ich hab`s doch nur gut gemeint!“ Ja? Ich auch. Und gesagt hab ich ihn auch schon 😀

Neulich habe ich zum ersten mal wirklich über diese Aussage, was dahinter steckt und was sie auslösen kann, nachgedacht. Ihr könnt es glauben oder nicht, aber ich habe dabei über mich und mein Umfeld mehr gelernt, als ich dachte 😉

Wie komme ich überhaupt darauf in diesen Satz mehr als das Offensichtliche rein zu interpretieren? Bei einem Termin mit meiner Psychologin hat sie mich darauf angesprochen, warum ich meine Wut über dieses „Gutmeinen“ nicht zulasse. Erst da ist mir aufgefallen, dass sie Recht hat. In vielen Situationen macht mich diese Aussage wütend und trotzdem entschuldige ich selbst Menschen damit. Ich sage dann: „Das hat mich genervt, aber ich weiß, dass das unberechtigt ist, denn Person XY meint es ja nur gut/will ja nur das Beste für mich.“

Eine Einstellung, die ich mir übrigens erst in den letzten Jahren antrainiert habe. Warum? Ich brauche manchmal meine Auszeiten. Ich möchte dann nicht auf jede Nachricht sofort antworten. Das ist nicht böse gemeint. Wenn ich dann Nachrichten bekommen habe wie „Bist du böse auf mich? Hab ich dir etwas getan?“, dann hat mich das extrem genervt. Denn MEINE Auszeit hat nichts mit anderen zu tun. Wäre ich wütend, wüsste das die entsprechende Person. So habe ich das auch kommuniziert, bis jemand zu mir sagte: „Du stößt damit deine Freunde vor den Kopf, denn wir meinen es nur gut und vielleicht machen wir uns ja auch einfach nur Sorgen, weil wir dich gern haben.“ Das brachte mich zum Nachdenken. Leute vor den Kopf stoßen, das wollte ich nicht. Also habe ich mir angewöhnt mich immer zu entschuldigen und den Menschen in meinem Leben behutsam zu sagen, dass ich gerade meine Ruhe will. Und versteht das nicht falsch, wenn jemand für respektvolle Kommunikation ist, dann ich! Doch dabei ging es nicht um mangelnden Respekt, sondern ich sollte mich – nach meinem Gefühl – für meine Bedürfnisse rechtfertigen.

Menschen sind keine Spielzeuge, die man an- und ausknipsen kann, wie es einem passt. Das ist mir natürlich bewusst und ich zwinge mein Umfeld auch nicht, mir immer zur Verfügung zu stehen und meine Bedürfnisse zu verstehen. Aber ich möchte mir Zeit für mich nehmen können, ohne Vorwürfe zu bekommen, weil ich gerade nicht über das, was in mir vorgeht reden möchte.

Mit der Zeit habe ich jedenfalls verinnerlicht, dass keine*r Unbehagen spüren darf, nur weil er*sie es gut mit mir meint. Es ist nur so: „Gut gemeint“ bedeutet nicht automatisch „gut gemacht„. Manchmal bedeutet es, dass man übergriffig war, Bedürfnisse nicht respektiert oder sich ungefragt eingemischt hat. Dass man die eigenen Vorstellungen durchgesetzt hat, weil man sie für zielführender als die der anderen Person hielt. Weil man besser wusste, was ein*e andere*r gebraucht hat.

Es geht aber nicht nur um Auszeiten. Situationen, die ich teilweise schon mehrmals erlebt habe:

Ich kündige einen Job, weil ich mir einen besseren gesucht habe. Statt sich für mich zu freuen werde ich – nur zu meinem Besten natürlich – gefragt, ob dieser Job wirklich besser ist als mein alter. Ob er genauso sicher ist. Ob die neue Firma wirklich seriös ist. Ob ich meinen Vertrag richtig gelesen habe. Ob ich genug Gehalt ausgehandelt habe…

Ich trage Kisten und bitte nicht um Hilfe, weil… naja… ich trage die Kiste bereits, also ist es mir wohl körperlich möglich. Statt einfach gar nichts zu machen, werden mir Dinge aus der Hand genommen. Mir wird gesagt „Nee, lass das stehen, das ist zu schwer für dich.“ oder „Ach komm, ich helfe dir.“

Und so weiter. Ich bin 31, lebe seit meinem 18. Lebensjahr alleine und habe schon so manchen Job gemacht. Ich weiß, worauf es für mich ankommt und habe ein exzellentes Verhandlungstalent. Ja, ich bin recht klein, zierlich und halbblind. Große Lasten zu tragen ist jetzt nicht unbedingt meine Stärke und ich bin etwas langsamer, weil ich genau schauen muss, wohin ich trete. Doch was ich kann, ist um Hilfe zu bitten, wenn ich sie brauche.

Wie gesagt, auch ich habe es schon gut gemeint und habe damit überhaupt nicht geholfen. Es passiert mir schnell, dass ich die Gesundheit anderer in die Hand nehmen möchte, weil sie mir wichtig sind und weil ich weiß, wie wichtig es ist auf sich zu achten. Außerdem helfe ich gerne, wenn ich merke, dass andere Kommunikationsschwierigkeiten haben und sich deshalb immer wieder zanken. Aber wisst ihr was? Nicht immer müssen andere gerettet werden. Nicht immer ist Hilfe erwünscht. Ganz oft sind die Menschen um uns herum nicht so hilflos, wie sie uns erscheinen und nicht hinter jeder Funkstille lauert etwas Dunkles. Sie wissen, was sie brauchen und können Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Ich verstehe, dass dies eins dieser Themen ist, bei denen man sich fragen kann, was denn nun richtig ist. Ist es okay Hilfe anzubieten oder ist das schon ein unentschuldbarer Eingriff in das Leben anderer? Müssen wir alles tot analysieren? Nein, müssen wir nicht. Ich bin ein Fan davon, seinem Gefühl zu folgen. Das heißt folglich, dass man natürlich seinen Senf zu verschiedensten Lebenssituationen des Freundes- und Familienkreises geben kann. Nur sollte man nicht schmollen, wenn man ein Echo zu hören bekommt, das man sich anders gewünscht hat 😉 Genauso müssen wir uns selbst unsere Genervtheit zugestehen, ohne Angst zu haben, andere damit unangenehm zu berühren. Menschen sind so unterschiedlich, da wird es eben immer mal wieder unangenehm. Wie sollen wir miteinander auskommen, ohne uns mitzuteilen? Wir müssen uns nicht immer verstehen, wir müssen uns aber respektieren. Es auch einfach mal gut sein lassen.

Im besten Fall wissen unsere Lieben, dass wir ihnen zur Seite stehen, wenn sie uns brauchen. Es ist nicht schlimm Hilfe anzubieten, manchen Menschen fällt es wirklich schwer selbst danach zu fragen und sind glücklich, wenn man auf sie zugeht. Wichtig ist es, die Antwort auf dieses Angebot zu akzeptieren, ob es uns nun gefällt oder nicht. Erfahrungen machen und machen lassen. Menschen auffangen, wenn sie auf die Nase fallen. Das ist Unterstützung. Nicht unsere gutgemeinten Masterpläne, die wir anderen maßgeschneidert überziehen.

Seid lieb zueinander, hört euch gegenseitig zu, nervt euch nicht, respektiert eure Grenzen und die eurer Mitmenschen, sagt, was ihr braucht und seid füreinander da. Ganz einfach, oder? 😉

Liebe und gute Vibes für Euch!

Der Otter

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