Brauchen wir den Frauentag?

Weltfrauentag? Frauen sind doch längst gleichberechtigt, was wollen die denn noch? Außerdem haben Männer auch Probleme, das interessiert wieder keinen…

Auch im Jahr 2021 ist vielen Menschen nicht bewusst, was der Weltfrauentag bedeutet, wie er entstanden ist, welche historische Bedeutung er hat und vor allem, warum wir ihn heute noch feiern. Auf Feminismus wird schnell allergisch reagiert. Es ist eben auch einfacher etwas abzulehnen, als sich mal ein bisschen Zeit zu nehmen und sich mit kritischen Themen auseinanderzusetzten und danach evtl. auch mal seine Standpunkte zu überdenken. Oftmals bleibt es nicht nur bei der Ablehnung, sondern artet in eine regelrechte Verdrehung der Tatsachen aus, die den Feminismus als etwas darstellt, was er nicht ist. Als etwas, das alleinige Macht und Kontrolle fordert.

Feminismus, insbesondere der „neue“ Feminismus, der jedes Jahr am 8. März im Fokus steht, steht für GLEICHberechtigung. Hört sich gut an? Dann freue ich mich, wenn Du weiterliest. Ich versuche einen einfachen und kurzen Überblick über dieses Thema zu geben und somit vielleicht auch Dein Interesse dafür zu wecken.

Ursprung, Entwicklung, Ziele

Schon ab dem Ende des 19. Jahrhunderts forderten Frauen einen Tag, an dem sie für ihre Rechte einstehen konnten. Damals betraf das vor allem den Kampf um das Wahlrecht, mehr politische Teilhabe und Rechte im Arbeitsleben. Das alles gab es damals kaum bis gar nicht, Frauen durften z.B. nur mit Erlaubnis des Mannes überhaupt arbeiten. Das galt übrigens noch bis zum Jahr 1977. Für Frauen gab es nicht mal uneingeschränkten Zugang zu Bildung, sie wurden systematisch klein gehalten.

Die Frauenrechtlerin Clara Zetkin setzte sich 1910 auf dem internationalen sozialistischen Frauenkongress in Dänemark schließlich für den Beschluss eines internationalen Frauentags ein. Die ursprüngliche Idee stammte von der Amerikanerin May Wood Simons. Am 19.03.1911 wurde dieser Tag in 4 Ländern zum ersten Mal begangen. In Deutschland, Dänemark, der Schweiz und Österreich. In den USA gingen Frauen bereits 1909 erstmals auf die Straßen, um für ihr Wahlrecht zu demonstrieren. Auch im Zentrum dieses ersten Frauentages im März 1911 stand das Wahlrecht, das Frauen 7 Jahre später, 1918, endlich eingeräumt wurde. Nach erreichen dieses Ziels schien der Tag seinen Zweck erfüllt zu haben und erneut musste für den Erhalt bzw. eine Wiedereinführung des Frauentags gekämpft werden. In der Weimarer Republik gab es dann zeitweise sogar 2 Frauentage, ein kommunistischer und ein sozialdemokratischer. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde der Weltfrauentag bis Ende des 2. Weltkrieges 1945 offiziell verboten. Ihr seht, schon der Erhalt eines einzelnen Tages war ein Kampf…

Der Frauentag wurde viele Jahre sehr unterschiedlich zelebriert und hatte vor allem im Westen die Bedeutung, den Frieden zu erhalten. Erst mit der Frauenbewegung in den 60er Jahren bekam er wieder mehr Aufmerksamkeit.

1975 feierte die UN das internationale Jahr der Frau und beschloss schließlich den 8. März als „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“. Im selben Jahr fand in Mexiko die erste UN Frauenkonferenz mit Vertretern aus 133 Ländern statt.

Im Laufe der Jahre hat sich Feminismus und damit auch die Bedeutung des Frauentags verändert bzw. angepasst. Auch unter den Feminist*innen gibt es immer wieder eine Diskussion darüber, ob dieser Tag bestehen bleiben sollte. Die bekannte Feministin Alice Schwarzer betitelte ihn 2010 als „gönnerhaft“. Und ganz Unrecht hat sie ja auch nicht. Was wir wollen ist eben nicht nur 1 Tag im Jahr, sondern gleiche Rechte für alle, jeden Tag. Doch da sind wir noch nicht, schon gar nicht, solange für viele Leute noch nicht einmal klar ist, warum Frauen auch heute noch auf die Straße gehen.

Inzwischen versuchen wir oder zumindest viele von uns, uns vom weißen Feminismus zu distanzieren. Es geht um Grundrechte, um Menschenrechte, die einfach nicht jedem*jeder in gleichem Ausmaß zuteil werden. Für diese Richtung spreche ich mich persönlich aus. Wir wollen keinen Rassismus, wir wollen keine Homophobie, keine Gewalt, keine Diskriminierung,… Wir brauchen dieselben Rechten und die Gewährleistung von Sicherheit und Unversehrtheit, ganz unabhängig von unserem Geschlecht und unserer Hautfarbe.

2015 wurde durch die UN z.B. die Agenda 2030 verabschiedet, ein „Fahrplan für die Zukunft“. Diese Agenda beinhaltet 17 Ziele, die die Länder bis 2030 nachhaltig realisieren sollen. Hier möchte ich anmerken, dass es schon Wahnsinn ist, dass wir aus etwas, was normal sein sollte, ein Projekt machen müssen.

Hier mal alle Ziele der Agenda auf einen Blick:

  1. Keine Armut
  2. Kein Hunger
  3. Gesundheit und Wohlergehen
  4. Hochwertige Bildung
  5. Geschlechtergleichheit
  6. Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen
  7. Bezahlbare und saubere Energie
  8. Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum
  9. Industrie, Innovation und Infrastruktur
  10. Weniger Ungleichheiten
  11. Nachhaltige Städte und Gemeinden
  12. Nachhaltige/r Konsum und Produktion
  13. Maßnahmen zum Klimaschutz
  14. Leben unter Wasser
  15. Leben an Land
  16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen
  17. Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

Doch so eine Agenda reicht nicht aus, denn alleine durch ihre Existenz ändert sich überhaupt nichts. Mal ehrlich, kanntest Du diese Agenda schon? Weißt Du, was in Deinem Bundesland, Deiner Gemeinde aktiv für ihre Realisierung getan wird?

Weiterhin braucht es Menschen, die sich zusammentun und auf die bestehende Ungleichheit aufmerksam machen, immer wieder, bis sie wirklich gehört und verstanden werden. Der Austausch muss stattfinden.

Feminismus und der Weltfrauentag heute

Frauen kämpfen also schon sehr lange für Gleichberechtigung, der internationale Frauentag existiert seit über 100 Jahren, um diesen Kampf wenigstens einmal im Jahr für ALLE sichtbar zu machen. Natürlich hat sich seit den Anfängen einiges getan, doch am Ziel sind wir leider noch lange nicht. Fortschritte werden in einem Schneckentempo erreicht. So ist bspw. Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 strafbar. Noch immer sind Abtreibungen in Deutschland Teil unseres Strafgesetzbuches, im Studium wird das Thema sehr oft nur aus ethischer Sicht angeschnitten, Methoden werden den angehenden Ärzten aber nicht einmal gezeigt. In anderen Ländern ist die Lage zu diesem Thema noch dramatischer. Die Pille ist das Verhütungsmittel Nr.1 und wird fleißig jungen Mädchen verabreicht, ohne jegliche Aufklärung über die Risiken und was ein gesunder, ECHTER Zyklus bedeutet. Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt gibt es nicht, dafür sind Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen durchaus real. In unserem Bundestag sind nur ca. 30% der Abgeordneten Frauen, die LGBTQ Bewegung ist noch weniger vertreten, geschweige denn People of Color. Karamba Diaby von der SPD ist bis heute der einzige Schwarze Abgeordnete. Gewalt gegen Frauen wird in beängstigendem Ausmaß gemeldet. Menschen mit Behinderung werden regelrecht ausgegrenzt. Sexismus und Übergriffigkeit begegnen uns im Alltag auf Werbeplakaten, bei der Arbeit, im Internet, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Clubs, beim Einkaufen… und in jedem Alter. Werden wir belästigt, ist das zumindest teilweise auch unsere Schuld, denn wahrscheinlich haben wir Signale gesendet oder waren einfach zu einladend angezogen, Stichwort: Victim blaming.

Ganz aktuell dürfen wir Frauen Hasskommentare von Männern zum Thema Binden und Tampons lesen. Zunächst waren diese mit 19% besteuert, wo doch andere Hygieneartikel mit 7% besteuert sind. Schottland ging mit gutem Beispiel voran und stellt diese Artikel nun kostenfrei in öffentlichen Einrichtungen, sowie Schulen und Universitäten zur Verfügung. Spricht man dieses Thema hier in Deutschland an, sind plötzlich sämtliche Männer Menstruationsexperten und wissen, dass Frauen einfach zu blöd sind, wenn sie nicht immer Tampons dabei haben. Aus den allermeisten Aussagen lässt sich ablesen, dass sich diese Männer noch nie mit dem weiblichen Zyklus oder gar dem Thema Periodenarmut beschäftigt haben und scheinbar denken, es sei eine Entscheidung, die jede Frau für sich treffen kann.

Ja, laut unserem Grundgesetz sind wir seit 1958 gleichberechtigt. So wurde es zumindest festgehalten. Dass die Realität eine andere ist, muss ich an diesem Punkt wahrscheinlich nicht weiter ausführen.

Feminismus soll Männer nicht ausschließen. Man könnte manchmal denken, wir würden auf die Straße gehen und mehr Gewalt an Männern, sowie ihre vollkommene Entmachtung fordern. Das ist nicht der Punkt. Wir wollen auch kein Leid, keine Probleme anderer herunterspielen. Vergewaltigung, Diskriminierung, häusliche Gewalt,… das kann JEDEM passieren und passiert auch allen Geschlechtern. Es ist kein Wettkampf darum, wer am meisten leidet. Die Benachteiligung von Frauen ist jedoch trotz zahlreicher Belege noch heute von vielen Menschen nicht anerkannt. Eine Auswertung des Bundeskriminalamts konnte z.B. 2019 belegen, dass 81% der Opfer häuslicher Gewalt in besagtem Jahr, Frauen waren. Die Zahlen sind nicht rückläufig, von der Dunkelziffer müssen wir gar nicht erst sprechen. Gewalt ist nur ein belegbares Beispiel von vielen. Trotzdem werden wir für unseren Kampf um Gerechtigkeit oft verlacht oder angegriffen. Emanze, Feminazi, Hure. Keine Wörter, die wir nicht schon hundertmal gehört haben.

Und deshalb feiern wir auch heute noch den 8. März. Um geballt darauf aufmerksam zu machen, welche Ungerechtigkeit in unserem Alltag passiert. Und natürlich ist auch die feministische Bewegung nicht fehlerfrei. Nicht immer herrscht Einigkeit zwischen uns und auch wir haben unsere Ausreiser, mit denen wir uns nicht identifizieren möchten.

Lasst uns gemeinsam die Welt besser machen!

Euer Otter

Quellen: Bundesregierung ; Bundeskriminalamt ; RKI ; UN Women ; pinkstinks ; bfs; Statistisches Bundesamt

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