Kleine Zeitreise

Gibt es Zeiten, an die Ihr gerne zurückdenkt? Würdet Ihr gerne die Uhr zurückdrehen können? Nicht oft, aber manchmal geht es mir so. Das ist wahrscheinlich auch gar nicht ungewöhnlich. Wer möchte nicht nochmal den besten Urlaub, die Verliebtheitsphase am Anfang einer Beziehung oder die lustigste Party durchleben? 🙂 Vor Kurzem saß ich aber hier und habe gemerkt, dass ich auf einmal eine ganz andere Sehnsucht hatte. Meine Gedanken hingen an einer Zeit, in der ich mir selbst fremd war und ich überhaupt nicht wusste, wie es weitergeht und was ich mit diesem Leben anfangen will.

Mit 18 bin ich Zuhause ausgezogen. Eigentlich bin ich mehr ausgerissen, denn ich habe still und heimlich ein paar Sachen gepackt, habe jemanden in einer Stadt eines anderen Bundeslands besucht und bin einfach nicht wieder gekommen, wofür ich mich wirklich bei meinen Eltern entschuldigen muss. Ich hatte ihnen meine Pläne nicht mitgeteilt, weil ich wusste, dass sie (verständlicherweise) zu große Sorgen und mich auf jeden Fall davon abgehalten hätten. Doch ich musste unbedingt raus, frei sein, Abenteuer erleben, alleine etwas auf die Beine stellen. Als Jüngste von vier Geschwistern hört man nämlich sehr oft, wie behütet man ist und dass einem alles auf dem Silbertablett serviert wird. Die Geschwister davor mussten alle viel mehr für alles arbeiten, usw. Es hat mich wahnsinnig gemacht und extrem geärgert. Als ich 14 war, habe ich davon gesprochen mit 18 direkt auszuziehen. Darüber haben viele Menschen gelacht, denn „man kann nicht einfach mit 18 ausziehen“… Ok, ja. Es ist etwas kindisch, aber wenn mir gesagt wird, dass ich etwas nicht kann oder darf, dann will ich es erst recht. So habe ich also die Chance ergriffen und bin gegangen.

Ich hatte keinen Job und erstmal auch keine eigene Wohnung. Es gab nur eine Person, die ich kannte. Angst hatte ich trotzdem nicht. Es gab viel zu viel zu entdecken, ich konnte alleine Entscheidungen treffen, musste mich vor niemandem rechtfertigen. Nach kurzer Zeit fand ich einen Job, hab viele Leute kennen gelernt, hatte eine Wohnung… Das hört sich erstmal ganz cool an, aber natürlich habe ich schnell auch ganz falsche Entscheidungen getroffen.

Meine Wohnung war mitten in der Stadt in der Nähe des Bahnhofs, direkt neben einer Drogenberatungsstelle, der Club, in dem ich dauernd mit meinen Bekannten war, war 3 Minuten zu Fuß entfernt. Irgendwann war ich ständig betrunken, hab viel gefeiert, bin alleine nach Hause getorkelt, wurde ständig belästigt, der Job war super mies, ich kannte wirklich seltsame Leute und habe mich auf Dinge eingelassen, bei denen es mir kalt den Rücken runterläuft, stelle ich mir z.B. meine Nichte, die jetzt genau in dem Alter ist, in der Situation vor. Vor allem hab ich nicht wirklich auf mich aufgepasst, ich war einfach nur verloren und bin durch mein Leben geirrt. Was genau kann man daran vermissen? 😀

Ich vermisse die absolute Unbeschwertheit. Es war egal, wo ich wohne, es war egal, dass mein Job schlecht war, es war alles egal. Es war sogar egal, dass ich nicht glücklich war. Ich habe von meinem eigenen Geld gelebt und mich durchgeschlagen. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass mir etwas passieren könnte oder dass es jemand vielleicht nicht so gut mit mir meinen könnte. Nach ein paar Monaten war ich super abgefuckt und ich wusste das auch. In dieser Zeit hatte ich aber schon einige Hürden zu nehmen und wusste, dass ich mein Leben ändern kann, sobald ich dafür bereit bin. Aus irgendeinem Grund wollte ich einmal alles Alte mit der Abrissbirne niederreißen und mir eine frische Basis erschaffen. Ca. 1 Jahr später war ich bereit, saß auf dem Boden, nahm mein Telefon, hab Job und Wohnung gekündigt und bin in das nächste Abenteuer gestürzt. Danach hat es immer noch Jahre gedauert, bis ich wusste, was für ein Mensch ich bin. Aber jede Erfahrung hat mich geprägt und mich näher zu mir selbst gebracht, das kann ich sagen.

12 Jahre später sind solche Gedanken, wie ich sie damals hatte, mit viel mehr Vorsicht und Ängsten verbunden. Das ist auch bei Vielem sinnvoll und gut. Manchmal kann es aber auch hinderlich sein, oder? Wenn man 10 Jahre in einem Beruf arbeitet, der Job ne sichere Sache ist und man sich eine gewisse Position erarbeitet hat, überlegt man 2x, ob man nochmal eine neue Ausbildung beginnt oder sich selbstständig macht. Wenn man Verantwortung übernommen hat, Verpflichtungen eingegangen ist, dann ist es schwerer alles unbeschwert zu sehen und nur nach den eigenen Launen zu leben. Wenn man glaubt, mehr verlieren zu können, neigt man oft dazu, erstmal den sicheren Weg zu gehen. Vielleicht erlaubt man sich manche Gedanken gar nicht erst.

Ich kenne beide Seiten dieser Münze. Seit ein paar Jahren versuche ich sie ins richtige Verhältnis zu bringen und einen Weg aus Furchtlosigkeit und Vernunft zu gehen. Das bedeutet vor allem, dass ich mehr Geduld brauche, was schwer für mich ist. Es bedeutet, dass ich Entscheidungen von Herzen treffe, sie aber trotzdem gut durchdenke, anstatt einfach alles hinter mir zu lassen.

Wir wissen nie, was kommt, ob unsere Träume dieselben bleiben. Alles verändert sich ständig. Aus meinem Traum von der Wohnung in einer Großstadt ist inzwischen ein Häuschen im Nirgendwo geworden. Und ich würde niemals meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es jetzt so bleibt. Eine wichtige Erkenntnis für mich ist, dass ich wirklich immer ein verlässliches Bauchgefühl hatte. Hab ich mich entschieden nicht darauf zu hören, bin ich manchmal nicht nur auf die Nase gefallen, sondern bin mit dem Kopf voraus in eine Kläranlage gehüpft und ein paar Runden geschwommen. Manchen Weg hätte ich schneller und unkomplizierter bewältigen können. Hätte, könnte, wenn,… Egal! Ich hab mir selbst vertraut, als es nur wenig andere taten. Menschen wollen, dass es ihren Freunden und der Familie gut geht und wünschen sich, dass sie mit Leichtigkeit durch`s Leben kommen. Keine Enttäuschungen aushalten müssen. So funktioniert es aber leider nicht. Jeder von uns muss mal scheitern. Manche sogar immer wieder, auch wenn es unfair ist. Wir haben alle die Fähigkeit das auszuhalten und unseren Weg weiter zu gehen oder die Richtung zu wechseln. Wir alle haben Vertrauen verdient und Verständnis, wenn doch mal was schief geht.

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