Der falsche Zeitpunkt

Autor*in anonym

Ich hatte eine hässliche Trennung hinter mir und bin zu meinem Bruder gezogen, da ich Schulden und keine andere Möglichkeit hatte.
Es war also soweit, ich musste mit Anfang 20 von vorne anfangen.
Mein neuer Job gab mir Halt und machte mir Spaß und am Wochenende half ich meiner Mama im Gasthaus aus. Dort lernte ich einen süßen Typen kennen und wir verabredeten uns.
Es führte eins zum anderen und ich war glücklich, dass mich ein Mann endlich wieder attraktiv fand.
Ja, wir haben ein Kondom verwendet, da mir Verhütung sehr wichtig war und ist, doch anscheinend riss sein Intimpiercing ein kleines Loch in das Kondom, das wir nicht gesehen haben.
Wir waren uns einig, dass es bei der einmaligen Sache bleiben würde.
Nach einigen Wochen wartete ich auf meine Periode, doch sie kam nicht. Also bin ich in die Apotheke gegangen und habe mir einen Schwangerschaftstest gekauft. Ich dachte mir, dass er negativ sein muss, denn wir hatten doch ein Kondom verwendet und es war doch alles ok…
Mit einem unguten Gefühl bin ich bei der Arbeit auf die Toilette gegangen und habe den Test gemacht. Tja, da war er…der 2. Strich… Ich war schwanger.
Mir wurde schlecht und in meinem Kopf drehte sich alles, denn ein Kind in meiner Situation, nein, das ging einfach nicht.
Ja, ich wollte Kinder aber nicht so und schon gar nicht mit ihm als Vater… Ich wollte das so nicht. Ich verließ die Toilette kreidebleich und wurde von einer Kollegin gefragt ob alles ok sei. Nein, nichts war ok. Mein Arbeitstag endete und ich fuhr zu meiner Mama ins Lokal. Wir setzten uns und ich erzählte ihr, dass ich schwanger bin.
Das erste was sie mir sagte war: „Egal wie du dich entscheidest, ich bin für dich da und stehe zu dir“.
Sie erzählte mir, dass sie ebenfalls mit 18 Jahren einen Abbruch vornehmen ließ und ich konnte ihr sagen, dass ich es nicht austragen möchte, da ich mich in der damaligen Situation nicht bereit dafür fühlte ein Kind zu bekommen. Meine Mama verstand es und nahm mich einfach in den Arm, das tat gut.
Den Erzeuger fragte ich, ob er das Kind haben wolle und auch er verneinte. Das nahm mir den Druck. Eine Freundin von mir sagte, ich solle es austragen und zur Adoption freigeben, denn es gebe ja auch so viele arme kinderlose Paare. Das kam für mich nicht infrage, denn was wäre wenn das Kind eine schlechte Familie und ein schreckliches Leben haben würde? Das war für mich keine Option. Also habe ich mich über den Schwangerschaftsabbruch informiert.
Es gibt in Wien eine Klinik die das ohne großen Bürokratiekram erledigt hätte, allerdings ist die Klinik teuer und da ich Schulden hatte war es für mich nicht möglich dort den Abbruch machen zu lassen.
In Wien gibt es Krankenhäuser die Abbrüche ebenfalls durchführen und die nicht zu teuer sind, dort benötigt man aber eine Bestätigung von der Familienberatungsstelle um sicher zu gehen, dass man keinen Fehler macht.
Also habe ich bei meinem Gynäkologen einen Termin vereinbart um sicher zu gehen, dass ich schwanger bin und eben auch Nachschau zu halten, ob die Schwangerschaft intakt ist, denn wenn nicht wird diese auch von der Kasse bezahlt.
Ich betrat das Besprechungszimmer und habe dem Arzt gesagt, dass mein Test positiv war und ich die Bestätigung benötige, das Kind jedoch nicht haben möchte und ich einen Abbruch vorhabe.
Er schickte mich in die Umkleide und danach lag ich auf dem Tisch bei der Ultraschalluntersuchung.
Mein Kopf war Richtung Wand geneigt, denn ich wollte es nicht sehen, sondern nur wissen ob es eine intakte oder nicht intakte Schwangerschaft war.
Mein Arzt sagte zu mir: „Schauen sie mal her, hier schlägt das Herz und ach hier, schauen sie mal…“. Es interessierte mich nicht und ich fragte mich, was er an „Ich will dieses Kind nicht“ nicht verstanden hatte. Das war auch mein letzter Besuch in der Praxis.
Der nächste Termin war also bei der Familienberatungsstelle. Also wieder warten und warten, bis ich aufgerufen wurde. Ich ging in den Raum, eine sehr unmotivierte Mitarbeiterin saß mir gegenüber und ich wurde gefragt, was ich hier denn möchte.
Meine Antwort: „Ich bin ungewollt schwanger und brauche eine Bestätigung von hier um einen Abbruch in einem Krankenhaus durchführen lassen zu können.“
Kommentarlos bekam ich einen Zettel mit Stempel und Unterschrift in die Hand gedrückt und konnte keine 2 Minuten später das Zimmer wieder verlassen.
Sollte eine Frau* nicht sicher sein ob sie das Kind will oder nicht und wirklich Hilfe brauchen, weiß ich nicht ob sie diese dort bekommen hätten…
Mir war es egal. Jetzt konnte ich endlich den Termin in der Klink vereinbaren, denn auch meine Zeit rannte. In Österreich ist ein Abbruch nur bis zur 12. SSW erlaubt und ich war schon in der 8. SSW.
Ich war heilfroh bald einen Termin in der Klink zu bekommen, musste allerdings auch hier wieder zu einer Ultraschalluntersuchung und die Blutgruppe musste auch noch bestimmt werden.
Die Ärztin war alles andere als freundlich, doch auch das war mir egal, ich wollte den Termin einfach hinter mich bringen um mein Leben endlich wieder in den Griff zu bekommen.
Abermals wurde die intakte Schwangerschaft bestätig und ich wurde mit einem Formular und einem OP Termin entlassen.
Mir wurde gesagt, dass es in Krankenhäusern so ist, dass ärztliches Fachpersonal und Pflegepersonal Abbrüche nur machen, wenn sie damit auch umgehen können und es wenige gibt, die es aus freien Stücken machen.
Der Tag war gekommen und eine Bekannte begleitete mich in die Klinik, da ich ja jemanden brauchte, der mich nach Hause brachte.
Da ich Rhesus-negativ bin brauchte ich auch noch eine Spritze, die selbstverständlich auch extra kostete. Wenn ich mich richtig erinnere war der Anteil damals bei 400€ (?). Einen Teil hat auch der Erzeuger bezahlt, was ich sehr löblich finde.
Abermals wurde ich untersucht und gewogen wegen der kurzen Narkose.
Die Krankenschwester kam mit einer Tablette, die den Muttermund lockern sollte und einem Becher Wasser auf mich zu und fragte mich nochmal ob ich mir sicher sei, dass ich das Kind nicht austragen möchte, denn wenn ich die Tablette genommen hätte, gebe es keinen Weg zurück.
Ich nahm die Tablette und wartet bis ich dran war. Man schob mich in den OP, ich kletterte auf den Tisch und meine Beine wurden auf den Beinstützen festgeschnallt, die Sauerstoffmaske wurde mir ins Gesicht gehalten und schon war ich eingeschlafen.
Wach wurde ich im Bett der Tagesklinik. Meine Bekannte saß neben mir und fragte, wie es mir ging.
Sie sagte mir, dass sie mich das schon beim Fahrstuhl gefragt habe und meine Antwort war: „Ich bin so froh, dass es weg ist.“, ich kann mich daran nicht erinnern.
Sobald mein Kreislauf es mitmachte wurde ich entlassen. Ich bin zu meiner Mama ins Gasthaus gefahren und konnte dort endlich eine leckere Suppe essen.

Ich bereue meine Entscheidung keine Sekunde, denn eine Schwangerschaft hat in meine damalige Situation nicht gepasst. Heute bin ich verheiratet und habe ein gesundes Kind, worauf ich sehr stolz bin.