Kommunikation mit Familie und Freunden nach Einem Schwangerschaftsabbruch

Hallo liebe Otter Crew! Nach meinem letzten Beitrag „Abtreibung-und dann?“ haben mich wieder einige Nachrichten erreicht. Ich bedanke mich an dieser Stelle auch für das Vertrauen, das mir von Euch entgegen gebracht wird. Natürlich bleiben Eure Gedanken und Geschichten bei mir sicher. Ich möchte aber gerne auf eine Frage eingehen, die mir auffallend oft gestellt wurde, auch schon vor einem Jahr, als ich einen Instagram Post zum Thema veröffentlicht habe: „Wie bist Du danach mit Freunden/Familie umgegangen?“.

Das ist tatsächlich nicht ganz so leicht zu beantworten und hat sich im Laufe der Jahre (mein Abbruch war im Jahr 2014) auch verändert. Gerne teile ich aber mit Euch, wie das bei mir war und wie sich mein eigener Umgang mit diesem Erlebnis gegenüber anderen verändert hat.

Während der Schwangerschaft

Als ich von der Schwangerschaft erfahren habe, hatte ich zunächst das Gefühl, dass es sich um ein Geheimnis handelt, das ich möglichst keinem anvertrauen sollte. Deswegen wussten davon auch erstmal nur meine engsten Vertrauten, das sind meine Mutter, meine Schwester, meine zwei engsten Freundinnen und natürlich mein Freund. Ich bin ein Mensch, der sich mitteilen muss und seine Gedanken auch laut ausspricht. Oft ist das wichtig für mich, um Entscheidungen zu treffen. Ich brauchte also jemanden, der zuhört. In diesem Fall wollte ich aber auch wirklich gezielt mit Müttern reden. Das waren ganz am Anfang logischerweise eben meine Mutter und auch meine Schwester. Das „Problem“ war, dass wir uns sehr nahe stehen, das hat es schwerer gemacht wirklich objektiv darüber zu sprechen.

Mein nächster Schritt war, mich an 3 mehr oder weniger gute Bekannte zu wenden, die relativ wenig bis gar nichts mit meinem Freundeskreis zu tun hatten, von denen ich aber wusste, dass sie auch ungeplant schwanger geworden sind. Ich dachte, es hilft mir zu hören, wie sie mit der Situation umgegangen sind. Alle 3 haben die Babys bekommen und ich wollte einfach wissen, wie sie die Entscheidung für sich treffen konnten. Nun, das verlief nicht so toll. Eine hat mir vernünftige Antworten gegeben, die anderen beiden haben mich überhäuft mit Infos und Fotos von ihren Kindern, haben mir erzählt, dass ich jetzt bereits ein richtiges Kind in mir trage, dass Abtreibung deswegen Mord ist, usw. Beide haben sich übrigens nach meiner Entscheidung komplett von mir abgewendet und den Kontakt abgebrochen.

Wie Ihr Euch denken könnt, wurde mir durch diese Kontakte und Gespräche überhaupt nichts klarer. Sie haben mich teilweise dann eher verletzt. im Laufe der Wochen, habe ich dann meine zwei Brüder eingeweiht. Ich habe mit allen meinen Geschwistern ein sehr enges Verhältnis und ich wusste, dass sie für mich da sind. Sie waren eine Art Auffangnetz für mich. Langsam haben es dann noch ein paar wenige Freunde erfahren, manche haben sehr unbedachte Dinge gesagt, wie „Was willst Du denn sonst in Deinem Leben machen, bekomm das Baby doch“… Ich war 23 und genau wie jetzt hatte ich auch damals schon viel mit meinem Leben vor.

Die Menschen meinen es meist nicht böse. Außer Ihr habt es wirklich mit Abtreibungsgegnern zu tun, das kann sehr hässlich werden, aber das ist nochmal ein anderes Thema. Es ist so, dass das engere Umfeld oft helfen möchte, aber nicht weiß wie. Es fühlt sich unsicher, hilflos, überfordert. Wie findet man die richtigen Worte? Soll man überhaupt etwas sagen oder nur zuhören? Soll man fragen? Hilft man oder streut man gerade Salz in die Wunde? Es ist schwer. Nicht mal ich selbst wusste, was ich brauche und was mir helfen könnte. Ich muss gestehen, dass ich die meiste Zeit trotzdem auch Wut auf alle anderen projiziert habe, weil mir all ihre Worte unbrauchbar vorkamen. Sie haben mich einfach nicht verstanden. Ich hatte das Gefühl, mein Schmerz und der Druck, unter dem ich stand, würde nicht ernst genommen. Vermutlich musste ich all meine Emotionen, die ich nicht einordnen konnte, irgendwie ausleben und die Menschen um mich herum waren mein Ventil. Für mich alleine war das einfach zu viel.

Ein Großteil meiner Familie wusste jedenfalls gar nichts von meiner Schwangerschaft und schon gar nicht von meinen Plänen, diese abzubrechen. Viele von den Frauen, die mich kontaktiert haben, haben mir erzählt, dass es ihnen viel leichter fällt, mit Menschen über das Thema oder ihre eigene Geschichte zu reden, die sie nicht gut oder auch gar nicht kennen, als mit Nahestehenden. Das kann ich absolut nachvollziehen, mir ging es auch lange so. Eine gewisse Anonymität gibt ein Stückchen Sicherheit. Man kann sich einfach abwenden. In der eigenen Familie ist das nicht so leicht.

Die ersten Jahre nach dem Abbruch

Nach dem Abbruch hat sich erstmal nichts geändert, außer, dass diejenigen, die davon wussten, noch zaghafter mit mir umgegangen sind. Wenn ich überhaupt mit ihnen gesprochen habe. Denn in den ersten Wochen danach, wollte ich niemanden sehen, mich nicht ablenken oder getröstet werden. Es gab also kaum Kontakte.

Langsam musste ich mich wieder in den Alltag integrieren. Wie ich schon in meinem letzten Beitrag schrieb, hatte ich ja gerade meine Ausbildung abgeschlossen und hatte nur noch meine mündliche Prüfung vor mir. Ganz davon abgesehen, dass ich mich da durchbeißen musste, musste ich mir auch einen Job suchen. Das gelang mir auch schnell und ich habe es geschafft, mir bei der Arbeit nichts anmerken zu lassen. Mit Kollegen wollte ich auf keinen Fall darüber sprechen, was ich erlebt hatte. Die Abwechslung tat mir auch gut, ich hatte eine Aufgabe, die ich erledigen musste, doch Zuhause ging es mir noch eine ganze Weile nicht gut und ich habe meine sozialen Kontakte erst ganz langsam wieder aufleben lassen. Ich wollte schon darüber reden, was passiert ist, doch ich kam immer wieder zu der Erkenntnis, dass keiner diese Gefühle versteht. Vor allem habe ich mir die Heilung auch selbst verboten. Mein Gewissen hat mich so geplagt, dass ich mir nicht erlaubt habe, meinen Freunden und meiner Familie zu sagen, wie traurig und geschockt ich bin.

Die Monate vergingen und ich habe mich auch immer besser gefühlt, es brauchte eben Zeit. Als meine Kollegin schwanger wurde, ca. 1 Jahr später, wurde die Wunde nochmal aufgerissen. Das bekam ich aber auch in den Griff. Das Erlebte war und ist bis heute immer präsent. Mal mehr, mal weniger. Mit etwas Abstand konnte ich immer wieder einen Blick auf meine Situation werfen, sie neu beurteilen und mich mit mir beschäftigen. Das geschah eher außerhalb jeder Kommunikation mit anderen. Ich habe viel über Frauen und Schwangerschaftsabbrüche gelesen und habe mich bei einer online Selbsthilfegruppe für Frauen angemeldet, die dasselbe durchgemacht hatten. Langsam wurde ich immer wütender. Nicht auf mich und andere Frauen, sondern darauf, wie wir behandelt werden in einer Situation, in der wir Halt brauchen. Und Stück für Stück wurde mir klar: Ich will reden und dafür musste ich meine Schutzzone verlassen.

Mein Umgang heute

Inzwischen habe ich das, was passiert ist, vollkommen in mein Leben integriert. Ich habe meine Schwangerschaft abgebrochen und es als einen Teil von mir akzeptiert. Das Gefühl, darüber Rechenschaft ablegen zu müssen, ist verschwunden. Genauso, wie die Angst davor, was andere davon halten. Es ist eine sehr persönliche Geschichte und ich möchte, dass sie dementsprechend respektvoll behandelt wird. Doch sie ist kein Geheimnis. Ich glaube, die allermeisten Menschen in meinem Freundes- und Familienkreis wissen heute davon. Doch ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wer es weiß und wer nicht. Denn ich habe nicht das Gefühl, dass ich zu jedem Menschen, den ich kenne, gehen muss, um ihm zu „beichten“, was ich getan habe. Es war eine Entscheidung zu der ich stehe. Darüber zu schreiben ist vielleicht manchmal noch eine Art, mein Trauma zu verarbeiten. Vielmehr ist es aber mein großer Wunsch, Schwangerschaftsabbrüche zu enttabuisieren. Ich will, dass darüber gesprochen wird, was sie für Frauen, aber auch für Männer und Angehörige bedeuten. Vorurteile müssen aus der Welt geschafft werden. Schwangerschaften werden nicht selten beendet, es passiert jeden Tag auf der ganzen Welt, daran ändert auch das große Schweigen nichts. Es führt nur dazu, dass wir nicht genug informiert sind und man als Frau, je nachdem, wo man lebt, auch in gefährliche Situationen geraten kann.

Ich rede und wenn es sein muss, diskutiere ich auch über das Recht von Frauen, sich gegen eine Schwangerschaft entscheiden zu dürfen. Lese ich Berichte, die mir geschickt werden, (übrigens auch heute noch von Frauen, aus der Selbsthilfegruppe, ich habe mich dort nie abgemeldet), dann ist es oft sehr traurig zu lesen, dass sich Betroffene nicht trauen mit ihrer Familie zu reden. Dass sie gerne reden wollen, aber das Gefühl haben, es nicht zu können/zu dürfen. Es gibt Rede- und Aufklärungsbedarf. Man darf einen Menschen nicht im Regen stehen lassen, wenn er jemanden braucht, der ihn stützt. Aus dem Wunsch, dass sich für Frauen hier noch etwas zum Positiven verändern kann, ziehe ich viel Motivation und Kraft, immer wieder auf das Thema aufmerksam zu machen. Für manche ist es befremdlich, dass ich so offen darüber spreche. Doch Erlebnisberichte aus erster Hand sind die, die am meisten zählen. Viele können nicht darüber reden. Ich kann und deswegen mache ich es.

Schweigen

Natürlich ist das nicht für jeden das Richtige. Manche Frauen wollen schweigen und in Ruhe verarbeiten, was ich zu 100% nachvollziehen kann. Es ist nicht „krass“ oder „bewundernswert“, dass ich meine Geschichte teile. Es ist einfach mein Umgang damit. Eine Frau, die anders verarbeitet, ist nicht mehr Opfer oder setzt sich zu wenig für Frauenrechte ein, diesen Eindruck will ich auf gar keinen Fall vermitteln. Es heißt auch nicht, dass jede Frau, die nicht darüber spricht, automatisch Angst hat oder leidet. Es gibt so viele Verarbeitungsmechanismen, wie es Menschen gibt. Ich kann jahrelang über etwas, das mich schwer verletzt hat, schweigen (ich weiß, kaum zu fassen 😉 ), bei Beerdigungen muss ich immer lachen und ein anderes Mal teile ich meinen Schmerz mit der ganzen Welt.

Was ich damit sagen will: Ich habe keine Tipps, wie man am besten über eine Abtreibung spricht. Im Nachhinein würde ich ein paar Dinge anders machen. Das Wichtigste ist, in seinem eigenen Tempo zu verarbeiten. Vielleicht ist in manchen Fällen psychologische Betreuung oder einige Termine bei der Trauerberatung das Richtige. Man braucht Personen, denen man vertrauen und mit denen man offen sprechen kann. Vor allem muss man darauf vertrauen, dass man die richtige Entscheidung getroffen hat, um irgendwann loslassen zu können.

Liebe und gute Vibes für Euch!

Der Otter

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