Wütender Otter

Hey Ihr Otter! Eine Vermutung über mich, die Menschen (die mich zugegebenermaßen nicht so gut kennen 😉 ) immer wieder haben ist, dass ich immer locker bin. Immer gut drauf und irgendwie positive Vibes versprühe. Ganz falsch ist das auch nicht, denn inzwischen werde ich tatsächlich nicht mehr so schnell richtig wütend und verzweifelt bin ich höchstens, wenn im Haus keine Schokolade mehr zu finden ist. Doch es gibt diese Tage… Die Tage, die wir alle kennen. An denen alles schief geht und dann kommt der Zünder, der den innerlichen Dynamit Turm zum explodieren bringt. Dieser Punkt wurde in diesem Moment, in dem ich das hier schreibe, erreicht.

Wut ist so ein negativ behaftetes Gefühl. Sich wütend zu zeigen bringt immer Minuspunkte für das soziale Ansehen. Zumindest denken wir das. Was soll`s? Liebe Otter, ich bin heute wütend. Am liebsten würde ich gerade raus gehen und schreien, einem Kind das Bein stellen und weinen und gegen Autos treten. Keine Angst, das werde ich nicht… Nicht alles davon 😉

Spaß beiseite. Wut kann viele Gesichter haben. Ich bin dann z.B. erstmal sehr kurz angebunden, man geht mir besser aus dem Weg, versucht mir nicht in die Augen zu schauen, außer, man möchte von Blicken getötet werden und ich fange an zu weinen. Das hat schon oft dazu geführt, dass meine Tränen mit Verletztheit verwechselt wurden und irgendjemand meinte sagen zu müssen „Oh nein, bitte nicht weinen“ und mich umarmen wollte. Was mich noch wütender macht. Inzwischen ist es eigentlich so, dass ich mich gerne erstmal abkühle, meine Gedanken ordne und dann mit den Personen rede, die mich auf die Palme gebracht haben. Meistens sieht man die gegenüberstehende Seite dann auch nochmal anders. Diese Methode funktioniert auch ganz gut.

Manchmal muss es aber sofort raus und man will sich nicht abregen, sondern einfach mal explodieren. Kennt Ihr das? So geht es mir heute, doch keine der Personen, denen ich gerade grolle, ist da. Und so sitze ich hier und schreibe und schreibe und schreibe. Tatsächlich hilft das ein bisschen. Explodieren hilft in vielen Fällen halt auch nur kurz, oder? Vielleicht sollte ich noch klarstellen: Ich rede natürlich nicht von gewaltsamen Explosionen. So etwas rechtfertigt auch Wut nicht. Was ich meine, ist der Moment, in dem wir die passiv aggressiven Höflichkeiten zwischen uns und z.B. unseren Kollegen einfach mal abstellen und sagen, was wir wirklich sagen wollen. Der Moment, in dem wir kurz aufstehen und sagen, dass es uns gerade ankotzt. Dass unsere Grenze überschritten wurde. So, dass es von allen gehört wird, die es auch hören sollen.

Ja, Wut ist ziemlich mächtig und kann zerstörerisch sein. Doch auch schöpfend. Es gibt so viele tolle Songs, bei denen ich mir sicher bin, dass sie aus einer wütenden Situation heraus geschrieben wurden. Gemälde, Gedichte, Skulpturen,… Kunst ist wohl einer der besten Wege, sich auszudrücken, ohne sich oder andere dabei zu schaden. Man manifestiert negative Gefühle in etwas Schönem. Aufgestautes findet ein Ventil und kann losgelassen werden. Genauso natürlich bei Bewegung, egal ob Tanz, Boxen, Yoga,… Doch an manchen Tagen hilft es nur, klar auszusprechen, was man gerade fühlt. Zumindest geht es mir so. Wie gesagt: Heute geht das nicht.

Möglicherweise geht es nicht jedem so, aber ich kann mich je nach Situation schnell in meiner Wut verstricken, mich reinsteigern und mache hauptsächlich mir selbst das Leben damit schwer, vor allem in Zeiten, in denen ich allgemein nicht ausgeglichen bin. Ab einem gewissen Punkt ist dieses Gefühl dann gar nicht mehr gerechtfertigt oder zumindest nicht in so einem Ausmaß. Dann muss ich einen Gang runterschalten und mich fragen, ob ich gerade überhaupt auf die richtigen Personen wütend bin oder doch eher auf mich selbst oder die Situation an sich. Das macht einen gar nicht so kleinen Unterschied und die Beantwortung der Frage kann die Situation schnell entschärfen.

Und je mehr ich schreibe, desto mehr lichtet sich der Nebel in meinem Kopf und ich frage mich: „Wem nützt es gerade, dass ich so koche?“ Die Antwort: Keinem. Die Menschen, auf die ich heute wütend bin, haben für mich keine tiefgehende Bedeutung. Es ist ihnen egal, ob ich hier sitze und mich über sie aufrege. Mir ist es egal, dass es ihnen egal ist. Und darüber muss ich etwas lachen, denn plötzlich fühle ich mich ruhiger.

Man soll seinen Zorn nie einfach schlucken und in sich hineinfressen, doch gibt es nicht auch Situationen, in denen es völlig reicht, sich kurz zu setzen, die Augen zu schließen, sich die Person des persönlichen Grauens vorzustellen und ihr in Gedanken zu sagen: „Sie, Sir, sind ein Affenarsch!“¹, um es mit den Worten von Lisa Simpson auszudrücken. Einatmen. Ausatmen.

Mein ganzer Text wirkt gerade, als hätte ich ihn vor langer Zeit geschrieben. Meine Wut heute ist nicht grundlos gewesen und ich sehe auch immer noch, was sie ausgelöst hat. Aber sie scheint jetzt viel winziger, als hätte jemand den Pauseknopf gedrückt. Gerade frage ich mich nur noch, ob ich mich wirklich so fühlen will und muss.

Nein, muss ich nicht.

Also was regen wir uns hier gerade alle so auf? Es ist ein schöner Abend, ich habe einen Karton voller Süßigkeiten und zwei Katzen, die schmusen wollen. An dieser Stelle schließe ich mit einem weiteren Zitat und wünsche Euch eine friedliche Zeit 😉

Der wütende Otter

¹Die Simpsons, Staffel 2, Episode 19: Der Aushilfslehrer

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